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Forschung17. Januar 2026

Neue Studien: Veränderungen bei Biomarkern nach Scheinfasten

Neue Studien: Veränderungen bei Biomarkern nach Scheinfasten

Scheinfasten verjüngt um 2,5 Jahre: Neue Studien belegen Anti-Aging-Effekt

Die wissenschaftliche Evidenz für die Fasting-Mimicking Diet (FMD), im Deutschen als Scheinfasten bekannt, wird immer überzeugender. Aktuelle Forschungsergebnisse aus den letzten Monaten zeigen nicht nur eine messbare Verjüngung des biologischen Alters, sondern auch völlig neue Anwendungsgebiete wie den Schutz der Nieren. In diesem Artikel fassen wir die wichtigsten neuen Erkenntnisse zusammen und erklären, was sie für die Praxis bedeuten.

Einleitung: Warum Scheinfasten im Fokus der Forschung steht

Das von Professor Valter Longo entwickelte Scheinfasten hat sich in den letzten Jahren von einer experimentellen Intervention zu einer wissenschaftlich fundierten Methode entwickelt, um die Vorteile des Fastens sicher und praktikabel zu nutzen. Anders als beim vollständigen Wasserfasten erlaubt die FMD eine begrenzte Nahrungsaufnahme über fünf Tage – etwa 1.100 kcal am ersten Tag und 700-800 kcal an den folgenden Tagen. Die spezielle Zusammensetzung aus pflanzlichen, protein- und zuckerarmen, aber fettreichen Lebensmitteln versetzt den Körper in einen Fastenzustand, ohne dass man komplett auf Nahrung verzichten muss.

Die Forschung der letzten 12-18 Monate hat das Verständnis dieser Methode erheblich erweitert und liefert nun robuste klinische Daten am Menschen.

Hintergrund: Was passiert beim Scheinfasten im Körper?

Beim Scheinfasten werden zentrale Nährstoffsensoren der Zellen – insbesondere die Signalwege mTOR und PKA – nicht aktiviert. Der Körper interpretiert die reduzierte Kalorienzufuhr als Fastensignal und schaltet in einen Schutzmodus um. Dabei werden mehrere fundamentale zelluläre Prozesse aktiviert:

Autophagie: Die zelluläre Müllabfuhr

Ein Schlüsselmechanismus ist die Autophagie (griechisch für "Selbstverzehr"), ein zellulärer Reinigungs- und Recyclingprozess. Dabei bauen Zellen beschädigte Proteine und alte Organellen ab und verwerten deren Bausteine zur Energiegewinnung oder zum Aufbau neuer Zellkomponenten. Dieser Prozess ist entscheidend für die Aufrechterhaltung der Zellgesundheit und wird mit der Vorbeugung von Alterungsprozessen und chronischen Krankheiten in Verbindung gebracht.

Fasten gilt als einer der stärksten natürlichen Auslöser der Autophagie. Das Scheinfasten ist speziell darauf ausgelegt, diesen Zustand über mehrere Tage aufrechtzuerhalten – länger als beim täglichen intermittierenden Fasten (z.B. 16:8).

Weitere zelluläre Effekte

Neben der Autophagie führt das Scheinfasten zu:

  • Verbesserter Insulinsensitivität
  • Reduktion von Entzündungsmarkern
  • Senkung des Wachstumshormons IGF-1 (mit Alterung und Krebsrisiko assoziiert)
  • Verjüngung des Immunsystems

Neue Studienergebnisse: Das biologische Alter um 2,5 Jahre reduziert

Die wohl beeindruckendste neue Erkenntnis stammt aus einer im Februar 2024 in Nature Communications veröffentlichten Studie von Brandhorst und Kollegen. Diese Sekundäranalyse zweier randomisierter klinischer Studien untersuchte die Auswirkungen von drei monatlichen Zyklen der FMD auf Biomarker des Alterns.

Studiendesign und Ergebnisse

Die Teilnehmer absolvierten drei aufeinanderfolgende monatliche Zyklen des fünftägigen Scheinfastens. Die Forscher analysierten eine Vielzahl von Leber- und Blut-Biomarkern, die mit dem biologischen Alter korrelieren.

Die Hauptergebnisse:

  • Reduktion des biologischen Alters um median 2,5 Jahre im Vergleich zur Kontrollgruppe
  • Signifikante Verbesserung der Insulinresistenz (HOMA-IR-Score)
  • Deutliche Reduktion des Leberfetts (hepatische Steatose)
  • Verjüngung des Immunsystems, erkennbar an einem erhöhten Lymphozyten-zu-Myelozyten-Verhältnis

Entscheidend ist: Diese Effekte waren unabhängig vom reinen Gewichtsverlust. Das bedeutet, dass die FMD fundamentale physiologische Veränderungen bewirkt, die über eine simple Kalorienreduktion hinausgehen.

Was bedeutet "biologisches Alter"?

Das biologische Alter misst, wie gut oder schlecht der Körper im Vergleich zum chronologischen Alter funktioniert. Es basiert auf Biomarkern wie Entzündungswerten, Stoffwechselparametern und epigenetischen Markern. Eine Reduktion des biologischen Alters bedeutet, dass der Körper jünger und gesünder funktioniert als es das Geburtsdatum vermuten lässt.

Scheinfasten schützt die Nieren: Eine überraschende Entdeckung

Eine im August 2025 in iScience veröffentlichte präklinische Studie von Molinari und Kollegen eröffnet ein völlig neues Anwendungsgebiet für das Scheinfasten: den Schutz der Nieren.

Studiendesign

In Mausmodellen für akute und chronische Nierenschäden wurden Tiere entweder einer FMD oder einer normalen Ernährung unterzogen, bevor Nierenschäden durch toxische Substanzen induziert wurden.

Ergebnisse

Die FMD-Gruppe zeigte:

  • Signifikant bessere Nierenfunktion (niedrigere Serumkreatininwerte)
  • Geringere histologische Schäden im Nierengewebe
  • Schnellere Erholung nach akutem Nierenschaden
  • Reduzierte Konzentration entzündungsfördernder Zytokine
  • Verminderte Einwanderung schädlicher Monozyten (Immunzellen) in die Niere

Mechanismus

Die Forscher identifizierten den CCL2/CCR2-Signalweg als wichtigen Mediator. Dieser Signalweg steuert die Rekrutierung von Immunzellen. Die FMD hemmt diesen Weg und verhindert so die schädliche Entzündungsreaktion, die oft von einem akuten zu einem chronischen Nierenschaden führt.

Relevanz für die Praxis

Chronische Nierenerkrankungen sind weltweit auf dem Vormarsch und oft Folge von Diabetes und Bluthochdruck. Diese Studie legt nahe, dass eine diätetische Intervention wie das Scheinfasten präventiv wirken und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen könnte. Natürlich sind weitere Studien am Menschen erforderlich, aber die Ergebnisse sind vielversprechend.

Scheinfasten vs. Mittelmeerdiät: Der direkte Vergleich

Eine weitere wichtige Studie, veröffentlicht im November 2023 in npj Metabolic Health and Disease, verglich die FMD direkt mit der als sehr gesund geltenden mediterranen Diät.

Studiendesign

Übergewichtige und adipöse Personen mit Bluthochdruck wurden randomisiert entweder vier monatlichen FMD-Zyklen oder einer kontinuierlichen mediterranen Diät zugeteilt.

Ergebnisse

Beide Diäten führten zu vergleichbarem Gewichts- und Fettverlust. Aber die FMD zeigte spezifische Vorteile:

  1. Erhalt der Muskelmasse: Die FMD-Gruppe behielt ihre fettfreie Körpermasse (Muskulatur), während die Mittelmeerdiät-Gruppe diese verlor.
  2. Stärkere Verbesserung des PULS-Kardiotests: Ein Maß für das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse.
  3. Größere Reduktion von HbA1c: Langzeitblutzuckerwert, wichtig für Diabetesprävention.
  4. Stärkere Senkung von IGF-1: Das Wachstumshormon, das mit Alterung assoziiert ist.

Praktische Bedeutung

Diese Studie zeigt, dass das Scheinfasten nicht einfach nur eine weitere "gesunde Diät" ist, sondern einzigartige metabolische Vorteile bietet. Der Erhalt der Muskelmasse während des Gewichtsverlusts ist besonders wichtig, da Muskelschwund (Sarkopenie) ein Hauptproblem beim Altern darstellt.

Autophagie beim Menschen nachgewiesen

Eine im Dezember 2024 in Metabolism Open veröffentlichte Studie von Al-Jafar und Kollegen liefert direkte molekulare Evidenz für die Aktivierung der Autophagie beim Menschen.

Studiendesign

Die Forscher untersuchten übergewichtige und adipöse Personen während des Ramadan-Fastens (eine Form des intermittierenden Fastens von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang über vier Wochen).

Ergebnisse

Nach vier Wochen zeigten die Teilnehmer:

  • Signifikante Hochregulierung der Schlüssel-Autophagie-Gene LAMP2, LC3B und ATG5 im Blut
  • Verbesserte Körperzusammensetzung
  • Bessere metabolische Parameter
  • Reduzierte Entzündungsmarker

Bedeutung

Diese Studie ist wichtig, weil sie zeigt, dass Fasten beim Menschen tatsächlich die molekulare Maschinerie der Autophagie aktiviert. Dies unterstützt die Hypothese, dass die gesundheitlichen Vorteile von Fastenprotokollen wie der FMD auf diesem zellulären Reinigungsprozess beruhen.

Standardisierung der Terminologie: Ein wichtiger Schritt

Ein oft übersehener, aber wichtiger Fortschritt ist die Veröffentlichung eines internationalen Konsenses zur Fasten-Terminologie im August 2024 in Cell Metabolism.

38 multidisziplinäre Experten, darunter Valter Longo, einigten sich mittels Delphi-Methodik auf präzise Definitionen für 24 Schlüsselbegriffe, darunter "Fasting-Mimicking Diet", "Intermittent Fasting" und "Time-Restricted Eating".

Warum ist das wichtig?

Eine standardisierte Nomenklatur:

  • Verbessert die Vergleichbarkeit von Studien
  • Präzisiert die wissenschaftliche Kommunikation
  • Erleichtert die Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen
  • Ist Voraussetzung für verlässliche klinische Leitlinien

Dies mag technisch klingen, ist aber fundamental für die Weiterentwicklung des Feldes und die sichere Anwendung in der Praxis.

Praktische Implikationen: Was bedeutet das für Sie?

Die neuen Forschungsergebnisse haben mehrere praktische Konsequenzen:

1. Scheinfasten ist mehr als Gewichtsabnahme

Die Studien zeigen, dass die FMD fundamentale Alterungsprozesse beeinflusst. Es geht nicht nur um Gewichtsverlust, sondern um:

  • Verjüngung auf zellulärer Ebene
  • Verbesserung der metabolischen Gesundheit
  • Schutz vor chronischen Krankheiten
  • Erhalt der Muskelmasse

2. Drei Zyklen zeigen messbare Effekte

Die Studie zur biologischen Alterung verwendete drei monatliche Zyklen. Dies könnte ein praktikabler Ansatz sein: Drei aufeinanderfolgende Monate mit je einem fünftägigen FMD-Zyklus, eventuell zwei- bis viermal pro Jahr wiederholt.

3. Potenzial für spezifische Erkrankungen

Die Nierenschutz-Studie (wenn auch noch präklinisch) deutet darauf hin, dass Scheinfasten bei spezifischen Erkrankungen therapeutisch eingesetzt werden könnte. Ähnliche Hinweise gibt es bereits für:

  • Typ-2-Diabetes
  • Nicht-alkoholische Fettleber
  • Kardiovaskuläre Erkrankungen
  • Neurodegenerative Erkrankungen (erste Studien bei Alzheimer und MS)

4. Kombination mit gesunder Ernährung

Die Vergleichsstudie zeigt, dass FMD und Mittelmeerdiät unterschiedliche Stärken haben. Eine sinnvolle Strategie könnte sein:

  • Periodisches Scheinfasten (z.B. monatlich oder quartalsweise)
  • Kombiniert mit einer dauerhaft gesunden Ernährung (z.B. mediterran) im Alltag

Limitationen und offene Fragen

Trotz der beeindruckenden Ergebnisse gibt es wichtige Einschränkungen:

Studienlimitationen

  • Die meisten Studien haben relativ kleine Teilnehmerzahlen
  • Langzeitstudien über mehrere Jahre fehlen noch
  • Die Nierenschutz-Studie ist präklinisch (Mausmodell)
  • Individuelle Variabilität in der Reaktion ist noch nicht gut verstanden

Offene Fragen

  • Optimale Frequenz: Wie oft sollte man Scheinfasten durchführen? Monatlich, quartalsweise, halbjährlich?
  • Langzeiteffekte: Bleiben die Vorteile über Jahre erhalten?
  • Personalisierung: Wer profitiert am meisten? Gibt es genetische oder metabolische Prädiktoren?
  • Mechanismen: Welche der vielen zellulären Veränderungen sind am wichtigsten?
  • Sicherheit: Für wen ist die FMD nicht geeignet? (Schwangere, Untergewichtige, bestimmte Erkrankungen sind bereits Kontraindikationen)

Wichtiger Hinweis

Scheinfasten sollte nicht ohne ärztliche Rücksprache durchgeführt werden, insbesondere bei:

  • Vorerkrankungen (Diabetes, Nierenerkrankungen, Essstörungen)
  • Einnahme von Medikamenten
  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Untergewicht

Fazit: Scheinfasten als evidenzbasierte Anti-Aging-Strategie

Die wissenschaftliche Evidenz für das Scheinfasten hat in den letzten Monaten einen Quantensprung gemacht. Die Reduktion des biologischen Alters um 2,5 Jahre nach nur drei Zyklen ist ein bemerkenswerter Befund, der die FMD als eine der am besten untersuchten Anti-Aging-Interventionen positioniert.

Besonders beeindruckend ist die Breite der positiven Effekte:

  • Metabolische Gesundheit (Insulin, Blutzucker, Leberfett)
  • Kardiovaskuläre Gesundheit (Blutdruck, Cholesterin)
  • Immunsystem-Verjüngung
  • Erhalt der Muskelmasse
  • Aktivierung der Autophagie
  • Potenzieller Organschutz (Nieren)

Die neue Forschung zeigt auch, dass Scheinfasten nicht einfach eine weitere Diät ist, sondern eine gezielte metabolische Intervention, die fundamentale Alterungsprozesse auf zellulärer Ebene beeinflusst.

Für die Praxis bedeutet das: Scheinfasten ist eine wissenschaftlich fundierte, praktikable Methode, um aktiv in die eigene Gesundheitsspanne zu investieren. Die Kombination aus periodischem Scheinfasten und einer dauerhaft gesunden Ernährung könnte ein optimaler Ansatz sein.

Die Forschung geht weiter, und wir können in den kommenden Jahren mit noch präziseren Empfehlungen rechnen. Die Standardisierung der Terminologie und die wachsende Zahl hochwertiger Studien werden die Translation in die klinische Praxis beschleunigen.

Eines ist klar: Scheinfasten ist keine Modeerscheinung, sondern eine evidenzbasierte Strategie für gesundes Altern.


Quellen

  1. Brandhorst S, Levine ME, Wei M, et al. Fasting-mimicking diet causes hepatic and blood markers of biological age reduction in a randomized clinical trial. Nature Communications. 2024 Feb 20;15(1):1399. DOI: https://www.nature.com/articles/s41467-024-45260-9

  2. Molinari P, Verlato A, Noble J, et al. Caloric restriction protects from acute and chronic kidney injury by inhibiting monocyte recruitment. iScience. 2025 Aug 15;28(8):113094. DOI: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40755453/

  3. Parva P, et al. Fasting-mimicking diet is more effective in improving the PULS cardiac test and other cardiometabolic risk factors than a Mediterranean diet in a 4-month randomized clinical trial. npj Metabolic Health and Disease. 2023 Nov 20;1(1):2. DOI: https://www.nature.com/articles/s44324-023-00002-1

  4. Koppold DA, Breinlinger C, Hanslian E, et al. International consensus on fasting terminology. Cell Metabolism. 2024 Aug 6;36(8):1779-1794.e4. DOI: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39059384/

  5. Al-Jafar R, et al. Dawn-to-dusk intermittent fasting upregulates autophagy genes in overweight and obese individuals: A prospective cohort study. Metabolism Open. 2024 Dec;24:100510. DOI: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2405457724015109